Guten Morgen.
So, ohne mein Zutun (ehrlich, ich habe eine Woche keinen Computer angefasst!) ist wohl meine letzte Mail noch einmal verschickt worden. Einfach garnicht ignorieren, empfehle ich jetzt mal. Sorry.
Ich hätte euch schon ein paar Stunden eher geschrieben, aber das ging leider nicht, da das komplette Silicon Valley von San Mateo bis San Francisco heute Morgen fuer 4 Stunden ohne Strom war. Offenbar ist eine "Substation" der Elektrizitätswerke in die Luft heflogen oder so. Interessant wäre es, herauszufinden, wieviel Prozent des Internet's nicht mehr vorhanden waren. Für meinen Rechner "scara.com" habe ich offenbar ein ausreichend warmes Unterstellplätzchen gefunden, die Notstromversorgung des Moscone Centers hat ihn die ganze Zeit am laufen gehalten. Den letzten Stromausfall dieser Art (mehrere Stunden, halbe Stadt ohne Strom etc.) hatten wir, als uns eine Gruppe Schweden besuchte, die Zane dann bei Kerzenlicht und Ghettoblaster alleinunterhielt, weil er ihnen nichts online Zeigen konnte. Heute war wieder eine Gruppe schwedischer Sozialdemokraten hier, ob es da einen Zusammenhang gibt? Interessant sind die Auswirkungen, die so ein Ausfall auf unsere Gesellschaft hat, in der Innenstadt standen die ganzen Büroangestellten auf der Straße rum, weil die Aufzüge sie nicht in ihre Cubicles bringen konnten und die Eingangshallen der Wolkenkratzer ein Kapazitätzdefizit aufwiesen. A pro pos Straße, kalt ist es hier inzwischen, der Winter setzt ein und die Temperaturen sind selbst hier an der Küste auf fast den Gefrierpunkt gefallen. Gestern auf dem Pass in der Sierra Nevada habe ich sogar Schnee gesehen.
Was macht er auf einem Pass, werdet ihr euch jetzt fragen, und wieso hat er eine Woche keinen Computer gesehen? Nun ja, Melissa wollte sich nochmal von ihrer Familie in Los Angeles und Umgebung verabschieden, und so sind wir beide für eine Woche in den Süden gefahren. Unsere Tour führte uns über die malerischsten Freeways der Metropole, in die verlorensten Stadtteile (äh, Städte nenne die das hier) dieses Molochs, der nur deshalb nicht wieder im Wüstensand versinkt, weil er wie ein Vampir das Wasser der Umgebung aufsaugt und so schon mehrere Seen im 500 Meilen Umkreis trockengelegt hat. Los Angeles ist wirklich ein beeindruckendes Erlebnis, das einen erneut an der Menschheit im allgemeinen und deren Verstand im besondern zweifeln läßt. Aber wenigstens gibt ein paar nette Menschen dort, z.B. Melissas Großmutter Margret. Die lebt mit ihrem ältesten Sohn Michael, ein Frühpensionär, und ihrem jüngsten Sohn Ralf und dessen Freundin Kathy auf einer Parzelle, die schon Melissas Urgroßmutter gehört hat. Dort haben sie ein paar kleine Häuschen, die bei uns wohl eher in die Kategorie "Gartenlaube" fallen würden, beim dortigen Klima aber vollwertige Häuser sind. Sonniges Kalifornien... Die Bebauung dort ist sehr interessant, es gibt breite, 6-8 spurige Straßen, die so eine art "Superblock" einfassen, in dem kleinere Straßenblöcke mit normalen Straßen sind. Rechts und links der breiten Straßen sind fast ausschließlich Geschäfte zu finden, von kleinen Burgerbuden über Gebrauchtautohändler bis hin zu "Plazas", Einkaufszentren, die um einen Parkplatz herum gebaut sind. Es sieht schon merkwürdig aus, 5 oder 6 dieser Plazas direkt hintereinander an einer Straße zu sehen, da eigentlich ein solcher Supermarkt mit angebauten Kleingeschäften ausreicht, die Bevölkerung von einem Stadtteil zu ernähren. Das wird wohl auch der Grund sein, warum die Dinger ständig pleite gehen und etliche komplett leer stehen. Wenn man dann in einer der unscheinbaren Straßen zwischen den Läden einbiegt, kommt man in die eigentlichen Wohngebiete, die vorm Kommerz zurückweichen mussten. In Santa Ana, wo Melissas Großmutter lebt, ist die Bevölkerung hauptsächlich mexikanischen Ursprungs, aber sehr viel habe ich von den Nachbarn eh nicht gesehen. Auch Melissas verwandte haben so gut wie keine Kontakt mit den Leuten aus den umliegenden Häusern, man läßt sich dort offenbar in Ruhe.
Einen Tag sind wir Melissas Tante (eine von denen, die Großmutter hat insgesamt 10 Kinder) in einer Trabantenstadt in der Wüste, etwa 2 Stunden von L.A. Downtown entfernt, besucht. Die Stadt war an einem Luftwaffenstützpunkt gebaut worden, dem auch die meisten Einwohner ihren Job zu verdanken hatten, nur wurde der leider geschlossen. Jetzt leben die Leute da offenbar von sich selbst (die einen arbeiten bei Mc Donalds, die anderen essen dort) oder sie pendeln in die nächste Stadt zum arbeiten. Insgesamt machte das Plätzchen einen etwas trostlosen Eindruck. Ihre Tante lebt dort mit 2 eigenen und 3 von Geschwistern adoptierten Kindern (14-35 Jahre) sowie etwa 15 Hunden und einer Katze in einem Einfamilienreihenhaus. Wir hatten einen netten Abend zusammen, sind ins Dollarkino gegangen (das allerdings mittlerweile 3 Taler kostet) und ich habe beim Schach gegen Melissas 14jährigen Cousin Loui 1:2 verloren. Insgesamt ist ihre Situation nicht unbedingt rosig, sie hat mich ein wenig an Al Bundys Familie erinnert. Das scheint ein generelles Problem der Amerikanischen Sozialstruktur zu sein: einmal in der Klemme, kommt man nicht mehr raus. Melissas 15jährige Cousine Carolyn ist laut Melissa die einzige, die es eventuell schafft, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, sie redet ihr zu, so bald wie möglich dort auszuziehen und ihr eigenes Leben anzufangen. Melissa hat dann am nächsten Tag noch eine Krise gekriegt, weil sie sich, offenbar von einem der vielen Hunde, Läuse eingefangen hat. Aber zum Glück gibt's ja Läuseshampoo.
Freitag abend waren wir bei einem Vortrag über Infraschall und Religion, den Marina, Zanes Frau, zusammen mit dem "Museum of Jurassic Technology" organisiert hat. Die Vorlesung war recht interessant, und sie hatten dafür einen Freimaurertempel angemietet, sehr beeindruckend, sowas mal von innen zu sehen. Der vortragende Anthropologe erzählte, daß er auf Papua Neuguinea bei den Eingeborenen festegstellt hat, daß deren Religion zu einem Gutteil auf den unbekannten, ehrfurchtgebietetenden Geräuschen beruht, die von Musikinstrumenten in deren Geisterhäusern von Inititerten Mitgliedern erzeugt wurden und im ganzen Dorf zu hören waren. Des weiteren stellte er fest, das diese Ehrfurcht nicht erlischt, wenn die jungen Männer initiiert werden und nunmehr den Ursprung der Geräusche kennen und erklären konnen. Nach etwas mehr Forschung hat er das auf die unhörbaren Infraschallanteile der Musik zurückgeführt, diese Infraschalltöne kannten die Eingeborenen sonst nur von Gewittern, die ja fuer Naturvölker recht beeindruckend sind. Bei weiterer nachforschung stieß er auf Experimente, die extreme Furcht in Menschen per Infraschall erzeugen, und auf die Tatsache, daß so gut wie alle Religionen dieser Welt mit Infraschall zur Ehrfurchtserzeugung arbeiten. So haben z.B. die meisten Kirchenorgeln eine Pfeife, die fast auschließlich Infraschall erzeugt. Ebenso führt er die Verehrung für bestimmte Wüsten, z.B. die Sinai-Halbinsel, auf sogenannte "Singing Dunes" zurück, Soundeffekte, die entstehen, wenn der Wind über bestimmte Sandmuster von Dünen streicht. Das Museum für Jura-Technologie haben wir uns danach auch noch angesehen, eine erstaunliche Ansammlung von Auststellungsstücken in Vitrinen, die ich nur schwer unter einem Begriff zusammenfassen oder auch nur beschreiben kann. Darum lasse ich das lieber und erzähle euch persönlich davon, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Wo ich gerade davon schreibe, in nur einer Woche komme ich schon wieder zurueck, am 16.12. um 16:40 werde ich in Hamburg aufschlagen. Bis dahin muss ich noch viel tun, also verabschiede ich mich jetzt und sage:
Bis bald,
Christian.
-- Christian Wolff *6807101014 mailto:scarabaeus at ccc.de http://206.165.108.42/ (temp.) http://scarabaeus.ml.org USA:415-621 6393, 1072 Illinois St San Francisco CA 94107 D: +49-40-3194035 Paul-Roosen Str. 19 D-22767 Hamburg PGP Fingerprint: B871 358C 3F10 A5ED C41C B1DB B9F9 3C44