Mittwoch, 1.4.1998

Hallo!

Es ist schon wieder "ages" her, seit ich zuletzt geschrieben habe, es ist immer das gleiche: Wenn viel passiert, habe ich keine Zeit zu schreiben und wenn ich Zeit zum schreiben habe, habe ich nichts zu berichten. Ich muß jetzt also 3 Wochen Trubel mit meinem Bericht umfassen. Erstmal zum Projekt. Vor 2 Wochen war eine BeOS-Developer Conference, auf der ich einmal mehr feststellen konnte, daß wir uns für das richtige Betriebssytem entschieden haben. Hunderte junger, engargierter Programmierer, die gut drauf und dran sind, prima Programme fuer diese junge, engargierte Plattform zu schreiben. Das Ambiente der Konferenz war allerdings etwas beängstigend, sie fand in einem Hotel im Silicon Valley statt und hat meine Abneigung gegen die "Peninsula" weiter gefestigt. Zane nannte es seht treffend "Prozac Valley". Prozac ist eine art Schlafmittel, die einem das Gefühl gibt, alles sei ganz prima und läuft super. Scheint hier sehr verbreitet zu sein, ich habe sogar Fernsehwerbung dafür gesehen. Aber sich über den Missbrauch anderer Substanzen aufregen, die spinnen, die Amis. Donnerstag hatten wir dann das "Board", also unsere Auftrags- und Geldgeben zu besuch, sie wollten mal sehen, wie weit wir so sind. Da mußte natuerlich was her, was was her macht. Also haben wir (Michael, John und ich sowie Zane als Supervisor) uns Mittwoch ins Zeug gelegt und einer wunderschoene Demo-Konsole zusammengezimmert, bestehend aus jeweils einem drittel Audio, Video und Grafik. An der Audiokonsole gibt es jetzt 4 große Schieberegler, verbunden mit einem Audiomischpult, und drei großen, beleuchteten Knöpfen (noch ohne Funktion), im Videoteil sitzt ein Videomixer, dessen Wipe-Hebel zwischen 2 LCD-Monitoren sitzt und wieder die drei Knöpfe, allerding diesmal mit Funktion: Aufnehmen und Abspielen, per BeOS, auf Festplatte! Im Grafikteil haben wir ein großes Plexiglasrad montiert, mit dem man in dem gerade aufgenommenen Film vor- und zurückspulen kann, sowie ein Grafiktablett, zu dem wir aber die Treiber noch nicht bekommen haben. Dann gibt es noch einen Kopfhoerer neben einem großen, blauen Knopf, zum abspielen von Benutzungshinweisen, natürlich auch von Festplatte. Die Vorführung war ein voller Erfolg, jetzt wollen wir das Teil hier als ständige Einrichtung laufen lassen, um mal Rueckmeldungen von vorbeischneienden Leuten zu bekommen.

A-pros-pos vorbeischneien, vor knapp 2 Wochen ist Yella aus Bremen hier auf ihrer Flucht aus Los Angeles eingetrudelt. San Francisco scheint ihr wesentlich besser zu gefallen, wenn wir nicht auf irgend welchen Partys sind, macht sie die Stadt und diverse Museen mit dem Fahrrad unsicher (Bei den Museen bin ich mir mit dem Fahrrad nicht so sicher, aber anders kann sie das in der kurzen Zeit eigentlich nicht schaffen). Mal sehen, ob ich die ganzen Partys noch zusammenkriege: Freitag haben wir bei Annie mit ein paar Freunden von ihr abgehangen, Samstag waren wir voll touristisch an der Fisherman's Wharf und auf der Haight Street shoppen, Sonntag hat Annaliza eine Grillparty mit Sonnenuntergang am Pazifik geschmissen, anschliessend hat Trixie eine Ausstellungseröffnung (vulgo Artschool-Party) gehabt, Montag war mal wieder "Sister", Dienstag haben wir den neuen Werner Herzog Film gesehen und danach gab es ein "Sister Special" im Liquid, Donnerstag war Betalounge und Freitag hatten wir als "Special Guest" Roni Size auf Bristol, anschließend gab es eine Party bei Ians Freundin Marisa. Letztes Wochenende haben wir dann etwas ruhiger verbracht, Samstag waren wir auf dem Flohmarkt (mein bestes Schnäppchen war ein externes CD-ROM-Laufwerk für einen Taler (korrekte Uebersetzung von Dollar ins Deutsche) und einen Kodak Carousel Diaprojektor fuer 15$. Sonntag haben wir dann Björn in Berkeley besucht, er wohnt in einer Professoren-Villa-Gegend an einem Berghang, sehr malerisch, ungefähr wie Göttingen Ostviertel. Nach einem langen Spaziergang am Wasser hat er uns dann Nachts mit seinem riesigen Chevy auf den Berg gefahren und wir hatten einen unglaublichen Blick über Berkeley, Oakland, San Francisco und einen Teil des Valleys, sehr beeindruckend. Nach diesen ganzen Aktionen hat sich dann mein Körper gemeldet und mit einer kleinen Erkältung eine Auszeit verlangt. Auch gut, soll er haben. Die Ausstellung von Trixie war natuerlich nicht nur Party, sie und 2 andere Mitstudenten haben eine Frau mit Tanzstudio gefunden, die dieses fuer Kunst herzugeben bereit war. Jetzt hängen also viele Werke von denen in großen, hellen, hohen Räumen, die weiter betanzt werden und alle sind glücklich: Die Maler, weil sie einen angemeßenen Ausstellungsort gefunden haben, die Eignerin und die Tänzer, weil sie jetzt statt kahler Wände Kultur über den Spiegeln haben und ich, weil ich endlich mal mehr von Trixies schönen Bildern sehen konnte. Dias davon gibt es, wenn ich wieder zurück bin.

Wohnungsmaeßig gibt es auch neues: ich ziehe schon wieder um. Nach nur 3 Wochen in der zugegebenermaßen schoenen Wohnung kam Kat mit der Nachricht, daß ihr (offenbar unsympathischer) Mitbewohner auszuziehen gedenkt (mit 4 Tagen Vorwarnung, soviel zu unsympathisch). Ich habe also nicht lange gezögert, zumal ich schon angefangen habe, mich einsam zu fühlen (WG for ever!) und bin mit Kat zu ihrem Vermieter gefahren. Der ist ein recht seltsamer Kauz, der im Süden der Stadt einen Schrottplatz betreibt. Nach einer endlosen Busfahrt sahen wir sein Firmenschild: Eine nackte Schaufensterpuppe in einer Badewanne, die wohl mal irgendwann ein Namensschild hochgehalten hat. Sein Business scheint daraus zu bestehen, aus Abbruchhäusern alles Verwertbare rauszureißen und bei sich zu lagern, bis es jemand kaufen will: Regale, Kloschüsseln, Spülen, Wasserrohre, Duschen etc. Jedenfalls scheint er willig, mit mir einen Mietvertag zu machen, so werde ich dann also Montag dort einziehen. (Bei Kat in Bernal Heights, nicht auf dem Schrottplatz!) Hallo, Ryan, wir werden Nachbarn! Jetzt muß ich es nur noch schonend Peter, meinem unsichtbaren Hauptmieter aus LA, beibringen.

  So, macht es gut und bis bald,
    Christian.

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